Mittwoch, 22. Mai 2013 12:59
Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentieren
Artikel versendenTwitterLesezeichen bei Facebook setzen
Multikulturalitaet Keine nationale Katastrophe

Multikulturalität: Keine nationale Katastrophe

20.12.2010 | 09:38 |  Von Erika Tiefenbacher, KMS-Direktorin in Wien (DiePresse.com)

Es ist ebenso kurzsichtig, die Folgen der Multikulturalität zu verdrängen, wie diese zur „nationalen Katastrophe“ zu erklären.

Jawohl, mit der Auszeichnung des 1.Österreichischen Integrationspreises 2010 in der Kategorie ‚bilden und befähigen’  wurde uns bestätigt, dass wir am richtigen Weg sind: Die Identität der Kinder und Jugendlichen mit unterschiedlichsten Muttersprachen wird durch ihre Interkulturalität geprägt und der Nutzen aus diesem Mehrwert kann eine gute Integration in unserer Gesellschaft ermöglichen. Sprachliche und kulturelle Vielfalt in den Klassenzimmern ist in der KMS 18 eher die Regel als die Ausnahme. Daraus ergibt sich ein selbstverständliches Anliegen, nämlich das der Integration. Das Potenzial von Kindern und Jugendlichen aus vielfältigen Lebenswelten und Erfahrungszusammenhängen wird anerkannt, genutzt und gefördert.

Zur Person
Erika Tiefenbacher ist Direktorin der KMS Schopenhauerstraße in Wien-Währing. Mit über 90 Prozent Migrantenanteil hat die Schule den Integrationspreis 201 in der Kategorie "bilden und befähigen" gewonnen.

Hauptmotivation ist das "Nicht-Akzeptieren-Wollen" von ChancenUNgleichheit von SchülerInnen mit Zuwanderergeschichten. Alle sollten die gleichen Bildungschancen in unserem qualitativ hoch stehenden Schulsystem haben. Doch Ergebnisse der Bildungsforschung belegen, dass es mit der Chancengleichheit in unserem Land nicht weit her ist und die soziale Herkunft weiterhin die Bildungschancen unserer Kinder bestimmt. Denn wenn Sprachschwierigkeiten und ein niedriger sozialer Status zusammenkommen, verschärft sich die Situation, und die Aussichten einen höheren Schulabschluss zu erreichen, stehen schlecht. Das zeigt wiederum die aktuelle PISA-Studie oder der OECD-Bericht 2010.

Wie geht unser Schulstandort damit um? Klar ist, dass Sprachkompetenz die Voraussetzung für eine angemessene Bildungsbeteiligung ist. Gute Kenntnisse der deutschen Sprache in Wort und Schrift sind Voraussetzung nicht nur für den schulischen Erfolg, sondern auch für die gestaltende Teilhabe im späteren Berufsleben und in der Gesellschaft. Doch parallel zum Sprach- und Wissenserwerb fördern wir das (oft schlummernde) Potenzial von Kindern und Jugendlichen aus unterschiedlichen Lebenswelten, anerkennen ihre Vielfalt, nutzen und fördern ihre Multikulturalität. Mehrsprachigkeit wird dabei als Wert geschätzt. Vielfältigsten Kleinprojekte prägen das Schulleben: In Projektwochen zu Themen wie Heimat, Dialog und Konflikt der Kulturen, Vielfalt der Kulturen – Ungleiche Stadt … steht die Erlebniswelt der SchülerInnen im Mittelpunkt. Im Sommersemester arbeiten seit 6 Jahren Studierende der Wirtschaftsuniversität Wien mit unseren SchülerInnen an interkulturellen Forschungsthemen. Muttersprachenunterricht fördert die persönliche Sprachkompetenz und ermöglicht die Teilnahme am „Sag’s Multi-Redewettbewerb“ uvm.

Wir entwickeln ein Selbstbewusstsein als "Ausländerschule" und zeigen mit laufenden, sich ständig verändertem Programm die Nachhaltigkeit unseres pädagogischen Wirkens. Wir haben den Faktor I: Identität - Interkulturalität und Integration zum Leitmotiv unseres Schulprofils gemacht,  und investieren mit all uns zur Verfügung stehenden Mitteln und Ressourcen in den Wunsch nach Chancengerechtigkeit von Kindern und Jugendlichen mit Zuwanderergeschichten. Es ist ebenso kurzsichtig, die Folgen der migrationsbedingten Multikulturalität zu verdrängen, wie diese zur „nationalen Katastrophe“ zu erklären.