Samstag, 18. Mai 2013 19:48
Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentieren
Artikel versendenTwitterLesezeichen bei Facebook setzen

Bildung: Verwertung statt Wert?

04.06.2012 | 09:13 |  Markus Waldvogel, PH Bern (Die Presse)

Gastkommentar: Wer Aussagen über Bildung treffen will, muss nahe am Geschehen sein und unreflektierte Selbstverständlichkeiten aus kritischer Distanz prüfen können.

Dinge zu bezweifeln, die ganz ohne weitere Untersuchung jetzt geglaubt werden, das ist die Hauptsache überall“, schrieb Georg Lichtenberg in einem Aphorismus. Lichtenbergs „Hauptsache“, bildungspolitisch vergegenwärtigt, ist der Zweifel an „Denkstilen“ und an erstaunlichen gedanklichen Kleidungsvorschriften im Reiche der Pädagogik, wenn es um die Entwicklung von Bildungskonzepten geht. Wer heute falsch gewandet in einen derartigen Diskurs eintritt, merkt sehr schnell, dass von ihm eine intellektuelle Mimikry verlangt wird, sollen seine Aussagen überhaupt angehört werden.

Heute wird in der Bildungspolitik mehr um Verwertung als um Werte gekämpft. Der verbreitete Gedanke, dass Bildung ein Luxus sei, der individuell befriedigt werden müsse, und dass es im öffentlichen Bereich darum ginge, die Scharniere zwischen Ausbildung und Beruf respektive Berufsausbildung zu schmieren, erfreut sich großer Beliebtheit. Die Ideologie der Zurüstung von Bildung für den Markt in Kombination mit einer naiven Beflissenheit pädagogischer Funktionäre und gut meinender Politiker, wenn es darum geht, „Reformen“ durchzusetzen, feiert Urstände.

Hans Vaihinger (1852–1933) hat an der Universität Straßburg eine Habilitationsschrift eingereicht, die später unter dem Titel „Die Philosophie des Als-Ob“ bekannt wurde. Vaihinger problematisiert darin die Rolle von Fiktionen, welche gewissermaßen als vorkritische Konstrukte einer Prüfung bedürften.

 

Schule als Baustelle

Die internationalisierte Bildungspolitik mit ihren Auswirkungen in die schulische Lebenswelt müsste ihre Fiktion des „Homo oeconomicus“ überprüfen. Es ist, als ob die Schulen für gesellschaftliche Entwicklungen geradestehen müssten, unabhängig davon, ob sie das können und sollen. Das metaphorische Umfeld, schon seit Jahren wird von der „Schule als Baustelle“ gesprochen, bestätigt die Absicht der Architekten des Umbaus.

Unüberhörbar fragen sich Schulpraktiker, weshalb seit Jahren immer mehr über Strukturreformen und immer weniger über faszinierende Inhalte, geglückte Unterrichtsprojekte und die Ansichten engagierter Lehrer gesprochen wird. Die Beantwortung dieser Fragen verspräche einiges.

Das So-Tun-als-ob es sich um eine pädagogisch motivierte, gleichermaßen „notwendige“ Anpassung an ein reales schulisches Geschehen handle, ist die krasseste Fiktion in der Bildungslandschaft, und sie ist in ihrer Funktion verheerend, weil sie den Blick auf die Sache, auf das tägliche Unterrichtsgeschehen, verstellt.

Können nun beispielsweise Kompetenzen lehrplanmäßig verordnet werden, vor allem, wenn sie persönliche Merkmale wie etwa Empathie-, Sozial-, Persönlichkeits- oder Konfliktkompetenz anpeilen? Wer das glaubt, begibt sich auf ein psychologisches Schlachtfeld, auf dem ein Machbarkeitswahn in einer großen Fleißarbeit ein Menschenbild entwirft, dessen ideologische Ausrichtung ein humanistisches Wunschdenken zutage fördert, und zwar in Kombination mit dem ökonomischen Anspruch, dass die Schüler und Studenten in jeder Lebenslage funktionieren sollen. Unwillkürlich erinnert diese Art von Kompetenztechnik oder -klempnerei aber an Angsttriebe von Bäumen in ihrer Agonie. Es entflammt noch einmal, was bereits gezeichnet ist. Die Ursachen bestimmter schulischer Probleme mit ihren gesellschaftlichen Wurzeln bleiben außen vor.

Die Welt ist unübersichtlich, reichhaltig, interessant. Guter Unterricht macht sich das zunutze. Lernen ist Arbeit an den Dingen und an sich selbst. Die Auseinandersetzung mit Kulturtechniken, Gegenständen, Themen, Methoden, mit anderen und sich selbst ist ein komplexes Ganzes, das der „sinnstiftenden Kommunikation“ bedarf. Gute Prüfungen leben von guten Prüfungssituationen, von guten Prüfenden, zielen auf Argumentation, Artikulation und sind Teil des Arbeitsbündnisses zwischen Lehrenden und Lernenden.

 

Verbindung von Nähe und Distanz

Wer Aussagen darüber will, wie Menschen sich auf das Abenteuer Bildung einlassen, und was sie schließlich damit anfangen können, muss in erster Linie nahe bei den zu Unterrichtenden sein und unreflektierte Selbstverständlichkeiten bezüglich des Schulwissens aus kritischer Distanz prüfen können. Diese Verbindung von Nähe und Distanz ist ein unerlässliches Qualitätsmerkmal, wenn es darum geht, Bildung „auszuwerten“. Auswerten kann niemand, der gleichsam „wertfrei“ unterrichtet, respektive „wertfrei“ auswertet.

Was wollen staatliche Einheitsprüfungen, wenn ihre Instrumente per definitionem nur Bruchteile, und das in Form von Momentaufnahmen, dessen erfassen können, was (guten) Unterricht ausmacht? Man muss Bildung aus der Nähe beschreiben. Man muss Maß nehmen. Im Interesse von heilsamen Maßnahmen. Die Vermessung der Spitze des Eisbergs ist ein zu leichtes Geschäft.

Veranstaltungsreihe

Dr. Markus Waldvogel ist als Fachdidaktiker für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Bern tätig. Am 30.Mai sprach er im Rahmen der von Nora Ableitinger und Konrad Paul Liessmann veranstalteten Vortragsreihe „Fachdidaktik kontrovers“ an der Universität Wien zum Thema „Philosophisches zum ,So-Tun-als-ob‘ in der Schule“. Der vorliegende Gastkommentar wurde vom Autor auf Basis seines Redemanuskripts erstellt. Nächster Vortrag: Philosoph Ekkehard Martens (Hamburg) spricht über „Lesen, Schreiben, Rechnen – Philosophieren als elementare Kulturtechnik“. Am 6. Juni, ab 17 Uhr im Hörsaal 2i, NIG der Universität Wien, Universitätsstr. 7, 1010 Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2012)