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Soziologe Mehr Geld Brennpunktschulen

Soziologe: "Mehr Geld in Brennpunktschulen stecken"

16.12.2012 | 18:43 |  BERNADETTE BAYRHAMMER (Die Presse)

Der soziale Hintergrund der Schüler wird in Österreich bei der Mittelvergabe nicht berücksichtigt. In anderen Ländern erhalten Schulen für Kinder aus bildungsfernen oder Migrantenfamilien mehr Geld.

Wien. Eines ist durch die jüngsten Studien einmal mehr klar geworden: Sozial benachteiligte Schüler erbringen deutlich schlechtere Leistungen als jene aus bessergestellten oder gebildeteren Familien. Je mehr Schüler mit einem schwierigeren Hintergrund in einer Klasse sitzen, desto stärker wirke sich das auf den (Miss-)Erfolg in der Schule aus, sagt der Linzer Soziologe Johann Bacher. „Es wäre daher sinnvoll, in sozial benachteiligte Schulen mehr Geld zu stecken.“ Auch die OECD sieht das als eine Maßnahme, mit der soziale Benachteiligung verringert werden kann.

Die sogenannten Brennpunktschulen müssen in Österreich derzeit – trotz schwierigerer Bedingungen – mit den gleichen Mitteln auskommen wie andere Standorte. Denn wie viel Geld eine Schule bekommt, hängt im Wesentlichen von Schultyp und Schülerzahl ab. Extrageld gibt es (nach Antrag) für sonderpädagogische oder Sprachförderung; ob viele der Schüler aus einem sozial schwachen oder bildungsfernen Elternhaus kommen, wird bei der Ressourcenzuteilung überhaupt nicht berücksichtigt.

Anderswo wird das anders gelöst: In den Niederlanden werden Schulen seit über zwanzig Jahren abhängig von der sozialen Struktur der Schüler unterstützt, auch in einigen Schweizer Kantonen ist das seit einer Weile der Fall. Die deutschen Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Hamburg gehen mittlerweile einen ähnlichen Weg.

 

Doppelt so viel Geld

In den Niederlanden funktioniert das Modell, vereinfacht gesagt, folgendermaßen: Kommt ein Schüler aus einer bildungsfernen Familie, erhält die Schule für ihn 25 Prozent mehr Geld als für einen mit gebildeteren Eltern. Hat er zudem noch Migrationshintergrund, gibt es annähernd doppelt so viel. Das niederländische System habe sich bewährt, sagt Bacher. Ein direkter Vergleich zu Österreich lasse sich – ob der unterschiedlichen Schulsysteme – nicht anstellen.

Bacher, der ein ähnliches Modell für Linz vor wenigen Monaten dem Land Oberösterreich vorgestellt hat, erwartet sich von dieser Form der Mittelvergabe jedenfalls positive Effekte. Er plädiert dafür, den Schulen bei der Verwendung des zusätzlichen Geldes möglichst freie Hand zu lassen.

Ob dieses für Förderunterricht, Sprachkurse oder Unterstützungspersonal ausgegeben werde, für Lehrerfortbildung oder eine Bibliothek, sollte die Schule, etwa gemeinsam mit Eltern, entscheiden. Denn, so Bacher: Auch ein Vertrauensvorschuss und vor allem Autonomie würden die Leistungen von Schulen nachweislich verbessern. Evaluieren könnte man die Effekte durch die Bildungsstandards.

Nicht zuletzt könnte mit diesem Modell der Spaltung des Schulsystems entgegengewirkt werden. Denn ein Problem ist auch, dass gebildete Eltern die Schule für ihr Kind bewusster wählen als andere und um Standorte mit schwierigen Schülern oft lieber einen Bogen machen – eine Negativspirale. Dass sich bessere Durchmischung nicht erzwingen lässt, haben schon vor Jahrzehnten die USA gezeigt: Der Versuch, die Segregation zwischen Schwarz und Weiß zu durchbrechen, indem Kinder per Bus in andere Schulen transportiert wurden, scheiterte kläglich. Wenn die Schulen aber durch die Zusatzmittel auch ein besseres Angebot bieten können, könnten sie auch mehr bildungsnahe oder bessergestellte Eltern anziehen, sagt Bacher.

Ein Problem ist wie so oft die Finanzierung: Entweder es braucht mehr Geld – oder das derzeitige Budget wird umverteilt. Das aber würde bedeuten, dass Schulen mit besseren Startbedingungen weniger Geld bekämen.

Auf einen Blick

Finanzierung. Um Schwache zu fördern, könnte sich Österreich an der Schulfinanzierung in den Niederlanden orientieren. Für einen Schüler mit Migrationshintergrund und aus einer bildungsfernen Familie erhalten Schulen dort mehr Mittel als für Schüler aus einer gebildeten, niederländischen Familie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2012)