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Berater Domisch Finnland packt

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Berater Domisch: "Finnland packt Fehler an"

06.12.2010 | 18:07 |  Von Regina Pöll (DiePresse.com)

Rainer Domisch, Berater von PISA-Spitzenreiter Finnland, im "Presse"-Interview über die Gesamtschule, Differenzierung und den Ernst des Schullebens.

Die Presse: Warum ist Finnland so gut bei PISA?
Rainer Domisch: Die Ergebnisse sind das Resultat jahrzehntelanger Arbeit. Perfekt ist das finnische System auch nicht. Aber wir wollen uns verbessern, obwohl wir gut sind. Wir entwickeln die gemeinsame Schule genauso weiter wie die Stundentafel. Wir werfen überholte Inhalte schneller und mutiger über Bord, wir haben uns vom gegliederten Schulsystem verabschiedet, das aussiebt. Wir packen Fehler an. In Österreich oder Deutschland fällt mir auf, dass man zwar sagt, insgesamt sind wir bei PISA mäßig. Aber dort, wo man innerhalb eines Landes besser ist, sagt man gleich: Wir sind ja doch hervorragend. Man lehnt sich teilweise zurück.


Welche Schulorganisation braucht es?

Es braucht größtmögliche Verantwortung am Schulstandort. In Finnland wird von oben nur der Rahmen mit den Lernzielen und Aufgaben verordnet. Zweitens werden schlechte Schüler nicht automatisch von guten getrennt. Man weiß, dass der sozioökonomische und kulturelle Hintergrund stark den Lernerfolg bestimmt. In Schulen in sozial schwierigen Gebieten braucht man mehr Experten, von der Sonderpädagogik bis zur Sozialarbeit. Gerade in Mitteleuropa kann man Migrantenkinder oft nicht so behandeln wie deutsche oder österreichische Kinder.


Sondern wie?

Sind in einer Gruppe mehr als 20 Prozent Kinder mit anderer Muttersprache, ist normaler Unterricht nicht möglich. Dann muss differenziert unterrichtet werden. Werden Migrantenkinder eine Zeit lang in Deutsch als Zweitsprache unterrichtet, ist oft mehr zu holen, als wenn sie in einer Gruppe mit den muttersprachlichen Kindern sitzen. In Finnland werden Kinder, die die Sprache kaum können, in der Vorschule 600 Stunden lang auf Finnisch gefördert. An der Volksschule werden sie dann auf mehrere Klassen aufgeteilt und individuell gefördert.


Wie werden Schüler optimal gefördert? Braucht es Leistungsgruppen?

In Finnland gibt es keinerlei äußere Differenzierung. Förderung und Motivation hängen nicht damit zusammen, dass die gut Lernenden von den langsamer Lernenden mit zehn Jahren getrennt werden. Die Förderung von Schülern gelingt mit Einzelförderung oder in Kleingruppen, die klassen- und auch jahrgangsübergreifend sein können. Das organisiert in Finnland die Schule.

Braucht Österreich in Ihren Augen eine gemeinsame Schule bis 14?

Ja, es führt kein Weg daran vorbei, Kinder nicht sehr früh zu trennen, sondern sie besser individuell zu fördern. Dazu kommt, dass Schule in Finnland nicht um ein Uhr zu Ende ist, sondern bis zum späten Nachmittag dauern kann. Das habe ich hier nie erlebt, dass Eltern Nachhilfe bezahlen müssen, weil in der Schule etwas nicht geleistet werden kann. Und trotzdem ist die Einstellung der Öffentlichkeit zur Schule sehr kritisch. Man sagt: Es muss noch besser werden. Ich glaube, das ist auch Antrieb für die guten Ergebnisse Finnlands.


Die Finnen nehmen PISA also sehr ernst? In Österreich wurde beim Test 2009 ein Schülerboykott ausgerufen, der die Ergebnisse wackeln lässt.
Ja, in Finnland zählt PISA etwas. Schule darf hier überhaupt nicht zu spielerisch sein. Hier muss zum Teil viel mehr gearbeitet und gelernt werden als in Österreich oder Deutschland, gerade weil die Schüler individuell gefordert werden.


Hat Finnland viele Neider wegen PISA?
Es ist eher so: Viele kommen und sagen, wir können eine Menge von euch lernen. Aber manche drehen sich im nächsten Moment um und sagen in die Kameras ihrer heimischen Sender: „Wir sind eigentlich genauso weit.“


Für wie aussagekräftig halten Sie PISA?
Es ist schon sehr wichtig. Aber man sollte weder in Euphorie verfallen, wenn man drei Plätze nach vorn kommt, noch hysterisch reagieren, wenn man einmal ein paar Plätze verliert. Es kommt darauf an, die Hintergründe zu beleuchten: Woher kommen die Ergebnisse? Und was geht noch besser? Wir Finnen sind zum Beispiel auch noch nicht zufrieden mit der schriftlichen Ausdrucksfähigkeit unserer Schüler, da muss man noch vieles tun.

Zur Person
Rainer Domisch, geboren 1945 in Schwäbisch-Hall, studierte Deutsch und Englisch. Ab 1994 war Domisch an Finnlands oberster Schulbehörde, am Zentralamt für Unterrichtswesen, beschäftigt, 2002 wurde er dort „Counsellor of Education“. Der nun pensionierte Experte hat SPÖ-Ministerin Claudia Schmied unter anderem bei der „Neuen Mittelschule“ beraten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 7.12.2010)

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4 Kommentare
Jack 3
06.12.2010 22:57
0 0

Na dann

sollen die Finnen halt gleich einmal bei ihren 7 Atomkraftwerken anfangen- ganz zu schweigen von Jugendarbeitslosigkeit und Jugendalkoholismus. Da haben die Finnen genug anzupacken, mehr als die Österreicher mit ihren wahrlich nicht berauschenden Pisa-Ergebnissen. Aber gerade der überproportionale Atomkrafteinsatz in Finnland wird von den Gesamtschul-Apologeten gerne verschwiegen.
Lieber schlecht beim Pisa-Test abschneiden und geringe Jugendarbeitslosigkeit als 7 Atomkraftwerke vor der Haustür!
stanislaus weber
06.12.2010 21:55
0 0

Warum sagt niemand die tieferliegenden Gründe?


1) Finnland hat niemals eine 1968er Kulturrevolution erlebt. Antiautoritäres verhalten ist in dortigen Schulen (und Öffentlichkeit) vergleichsweise lächerlich gering.
Verantwortung und Respekt ("Recht auf Ruhe beim lernen") sind integrierte Bestandteile des Schulalltages.

2) Die Öffentlichkeit (Medien) führt dort im Gegensatz zu Ö keinen 30-jährigen Krieg gegen die Lehrkräfte. Lehrkräfte waren bis heute immer Respektpersonen.

3) Der Anteil der Immigranten ist minimal! Und davon kommt der Großteil aus Estland, welches sprachlich und kulturell mit dem Finnischen praktisch ident ist (Fin. TV wurde während der Sowjetzeit in Estland als Reverenz gesehen).

4) Die Vergangenheit wird möglichst dosiert unterrichtet, um den (männlichen) Schülern so weit wie möglich Identifikationsmöglichkeiten auch aus der jüngeren Vergangenheit (Bürgerkrieg, Nazikollaboration) zu bieten.

5) Die Wirtschaft bietet "Helden" im Weltmassstab, nicht nur bei Nokia.

6) Wagenburgmentalität: Wir Finnen sind nur 5 Mio.; niemand sonst spricht FInnisch. Wir müssen uns durchsetzen. Es zahlt sich aus (siehe Wirtschaft).

Ich könnte noch tiefer gehen.
Fangen wir bei der Analyse ohne Abwehrreflexe mit diesen paar Punkten an und lernen wir dann dazu.
Dr.Gernot Stöckl
06.12.2010 21:34
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Wie ist das eigentlich, Herr Domisch ?

Warum hat Finnland so viele arbeitslose Jugend, wenn das Schulsystem so hervorragend sein soll?

Und wie viele Nobelpreisträger hat Finnland denn??
aklanaindiana
06.12.2010 20:27
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man darf gespannt sein....

wer sich hier durchsetzen wird....

der vcl behauptet zwar stets, nur werte - aber nicht strukturkonservativ zu sein - ich nehm`s ihnen aber nicht ab