Zentralmatura: "Verschiebung ist keine Prestigefrage"
18.03.2012 | 18:35 | von Julia Neuhauser (Die Presse)
Bildungsexpertin Christa Koenne rät der Ministerin zu einem späteren Start der Reform. Sachliche Gründe gebe es keine, die Debatte wäre aber beruhigt.
Die Presse: Der Chef des zuständigen Bildungsinstituts BIFIE meint, dass der rechtzeitige Start der Zentralmatura 2014 lediglich vom Engagement der Lehrer abhänge. Hat er Recht?
Christa Koenne: Eine Verschiebung, so wie es die Lehrergewerkschaft gern möchte, ist sachlich nicht gerechtfertigt. Eine Vorbereitungszeit, die vier Jahre in Anspruch genommen hat, müsste reichen.
Sachlich gibt es also keine Begründung dafür. Und praktisch?
In der Situation, in der wir jetzt sind, könnte es opportun sein zu verschieben. Verschiebt die Ministerin (Unterrichtsministerin Claudia Schmied, Anm.) den Start um ein Jahr, dann könnten alle in einem Boot sitzen. Das hätte den Charme, dass Lehrergewerkschaft und Ministerium gemeinsam eine Gesetzesänderung erreichen wollen. Quasi ein Bruch mit einem altbekannten Ritual.
Die Lehrer sehen aber auch sachliche Gründe. Stichwort: fehlende Unterrichtsmaterialien und Bücher.
Viele Lehrer sagen mir, dass das Material da ist. Trotzdem: Die Lehrer haben besonders in der Mathematik eine ziemlich große Umstellung vor sich. Meine Ansicht dazu: Die Lehrer hätten diesen Veränderungsprozess längst selbst starten können. Auf die Vorgabe von oben zu warten, ist zu wenig.
Hätten die Lehrer die Maturaaufgaben also selbst akkordieren müssen?
Noch viel mehr. Sie hätten sich selbst fragen können, was Mathematikunterricht heute bewirken muss. Dass es nicht in ihrem eigenen Interesse liegt, diese Bildungsziele zu erreichen, stimmt mich unzufrieden mit der Lehrerschaft.
Die Umstellung bedingt eine andere Art des Unterrichts. Sollte nicht auch die Lehrerausbildung adaptiert werden?
Die universitäre Lehrerausbildung ist prinzipiell nicht auf das ausgerichtet, was im Unterricht passiert. Deshalb wird es auch eine Reform geben. Die Sorge von Lehrern, dass sie diese kompetenzorientierte Art des Unterrichts nicht beherrschen, die kommt mir sehr problematisch vor. Zynisch könnte man sagen: Das ist ein Entlassungsgrund.
Sollte es tatsächlich eine Verschiebung geben, würden die Lehrer dann nicht einmal mehr als Blockierer dastehen?
Ein Jahr auf oder ab ist bei so einem großen Unterfangen keine Frage des Prestiges – weder für die einen, noch für die anderen. Wenn die Gewerkschaft aber sagt, wir verschieben auf den Sankt Nimmerleins-Tag, dann sollte die Ministerin bei dem Machtspiel nicht mitspielen. Denn die Angstblase vor der Zentralmatura wird stets größer.
Müsste die Benotung bei einer zentralen Prüfung nicht auch von einer externen Stelle übernommen werden?
Wenn man in der Theorie bleibt, dann gehört das selbstverständlich dazu. Da ist man aber pragmatisch. Denn lagert man die Beurteilung aus, dann muss das auch extra bezahlt werden. Lehrer haben sich außerdem an die doppelte Rolle von Lehrer und Prüfer gewöhnt. Sie haben den Eindruck, dass sie die Rolle des Prüfers auch ein Stück zur Disziplinierung brauchen.
Wie sollten Direktoren Ihrer Meinung nach mit der Situation umgehen?
Sie sollten Lehrer dazu ermutigen, sich diesem Veränderungsprozess auszuliefern. Wenn ich als Direktor selbst kommuniziere, dass das alles schrecklich ist, dann ist es auch für die Lehrer schwer.
Die Eltern haben mit Klagen gedroht, sollte die Matura zu negativ ausfallen. Eine berechtigte Befürchtung?
Diese Reifeprüfung wird ganz sicherlich nicht so ausgehen, dass die Schüler reihenweise durchfliegen, das haben wir bis jetzt auch geschafft, egal wie gut die waren. Aber ich glaube auch nicht, dass es eine Nivellierung nach unten geben wird.
Mathematik scheint ein besonderes Problem zu sein. Sie waren selbst Mathematiklehrerin...
Die Mathematikmatura genauso wie jene in Deutsch oder Englisch zu gestalten, ist zu hinterfragen. In Mathematik sollte bei der Zentralmatura meiner Meinung nach nur die Studierfähigkeit beurteilt werden. Also, ob ein Schüler bestanden hat – oder nicht. Die positive Notenskala sollte Sache der einzelnen Schulen bleiben. So könnte auf Schulschwerpunkte eingegangen werden.
Da kann man argumentieren, dass ein HTL-Schüler nie wieder durch eine Mathematikmatura durchfallen wird.
Wäre das so schrecklich? Ich kann darin nichts Dramatisches sehen.
Christa Koenne (68) ist Mitglied des Instituts für Unterrichts- und Schulentwicklung an der Uni Klagenfurt. Dort forscht sie an den Themen Leistungsbeurteilung und Prüfungskultur. Die pensionierte AHS-Direktorin unterrichtete Mathematik, Chemie und Physik. Als Bildungsexpertin ist sie auch Teil der Vorbereitungsgruppe zur neuen Lehrerbildung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2012)










