Schule für Jugendliche, die "im System nicht funktionieren"
13.05.2012 | 18:24 | MAGDALENA LIEDL (Die Presse)
In Wien betreibt die Diakonie Österreichs einzige berufsbildende mittlere Schule mit sonderpädagogischem Schwerpunkt. Dort sollen Jugendliche, die im regulären Schulsystem überfordert sind, eine Berufsausbildung erhalten.
Wien. „Was ist wichtig, wenn ich fürs Abendessen einkaufe?“ – „Was ich schon habe und was ich noch kaufen muss.“ Mathematikunterricht in der inklusiven FIT-Schule der Diakonie Wien. Der Lehrer schreibt die Punkte, die die Schüler nennen, auf die Tafel: Wie viele Personen kommen zum Essen? Welche Menge an Zutaten brauche ich? Wie viel kosten die Zutaten? Wie viel Geld brauche ich insgesamt? „Im Prinzip ist das Schätzen: Wie viel kostet ein Liter Milch?“, erklärt der Lehrer.
„Ziel unserer Schule ist es, dass die Schüler ihr Leben in den Griff bekommen, dass sie selbstständig handeln können“, erklärt Monika Hoffmann, Lehrerin und Administratorin an der I-FIT-Schule. Denn die zehn Schüler in der Mathematik-Klasse sind „ausgrenzungsgefährdet“. Das heißt, sie haben eine leichte Behinderung, eine Lernschwäche, eine Entwicklungsverzögerung oder Probleme in ihrer Familie. Die meisten von ihnen haben bereits mehrere Kurse des AMS besucht, eine Lehre begonnen und abgebrochen oder kommen aus anderen Schulen an die I-FIT. „Wir sind eine Schule für diejenigen, die im normalen Schulsystem nicht funktionieren“, beschreibt ein Lehrer die Schule.
Von Pferdepflege bis Gartenbau
An der I-FIT können die Schüler Ausbildungen in fünf Berufen machen: Kochen, Pferdepflege, Gartenbau, Kinderbetreuung und Veranstaltungsmanagement. Nur zwei Tage in der Woche verbringen sie im Klassenzimmer, die anderen drei Tage in einem Ausbildungsbetrieb. Die Kochschüler etwa bereiten jeden Tag das Mittagessen in der Schulküche zu. In der Schule selbst haben die Schüler die Fächer Mathematik, Deutsch, Informatik, Religion und Englisch. In diesen Fächern gibt es auch Prüfungen und ein Zeugnis. Daneben gibt es noch Fächer zur Persönlichkeitsbildung – etwa eine eigene Theatergruppe oder „Lebensorientierung“.
Die I-FIT-Schule ist eine Privatschule. 200 Euro im Monat kostet der Schulbesuch. Wer ein niedriges Familieneinkommen nachweist, bekommt eine Ermäßigung. „Leider gibt es viele, für die die Schule auch mit Ermäßigung zu teuer ist“, so Administratorin Hoffmann. „Wir wollen deshalb, dass das Schulgeld komplett fällt.“
Zu hohes Tempo im Lehrberuf
„Die Anforderungen an die Jugendlichen in den Lehren sind gestiegen“, beschreibt Schuldirektor Thorsten Gegenwarth das Problem der meisten Schüler an der I-FIT. Das Tempo sei für Jugendliche mit Lernschwäche in vielen Berufsschulen und Betrieben viel zu hoch. In Dienstleistungsberufen muss außerdem viel kommuniziert werden. „Und nicht jeder hat Selbstbewusstsein und Kommunikationsfähigkeit.“ Wer nicht mitkommt, fällt aus dem System. „Das Schulsystem ist grundsätzlich gut, für diejenigen, die es schaffen. Wir sind eine Ergänzung für die anderen“, sagt Hoffmann.
Die Jugendlichen können bis zu vier Jahre an der I-FIT-Schule bleiben, bis sie an eine Schule mit höheren Anforderungen wechseln können, einen Arbeitsplatz oder eine Lehrstelle finden. „Bei manchen reicht dafür ein halbes Jahr aus und sie können wieder ins reguläre Schulsystem zurück“, erzählt Gegenwarth. „Manche schaffen es nie. Wir können aber die Wahrscheinlichkeit erhöhen.“
I-FIT-Schule steht für „inklusive fachspezifische Schule für individualisierte Teilausbildung“. An der I-FIT können Jugendliche mit Lernschwäche eine Berufsausbildung machen. Voraussetzung für die Aufnahme ist der Pflichtschulabschluss. Nähere Informationen unter www.ifit.or.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2012)










