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oeVP fuerchtet Zukunft Lehrerbildung

ÖVP fürchtet um die Zukunft der Lehrerbildung

29.07.2012 | 18:34 |  von Theresa Aigner und Christoph Schwarz (Die Presse)

Nach der Abberufung von Rektor Elmar Märk durch die Unterrichtsministerin sehen ÖVP, Gewerkschaft und Wissenschaftler den Ruf der Pädagogischen Hochschulen in Gefahr.

Wien. Knapp eine Woche ist es her, da musste sich der designierte PH-Tirol-Rektor von Unterrichtsministerin Claudia Schmied eine „massive Störung des Vertrauensverhältnisses“ vorwerfen lassen. Mittlerweile scheint es eher die Ministerin selbst zu sein, die das Vertrauen vieler ihrer Partner im Bildungsbereich verspielt hat.

Mit der Abberufung von Elmar Märk aus parteipolitischen Gründen hat die Ministerin einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, dessen Ausmaß selbst die roten Strategen im Unterrichtsressort verwundert haben dürfte. In die anfängliche Polemik der ÖVP, die Schmied kurzerhand „kommunistische“ Personalpolitik – „schlimmer als hinter dem Eisernen Vorhang“ – nachsagte, mischen sich mittlerweile ernsthafte Vorwürfe gegen die Amtsführung der Ministerin.

Die Personalpolitik Schmieds schade dem Ansehen der Pädagogischen Hochschulen, so lautet der Vorwurf. Nicht zuletzt setze sie damit die Zukunft der neuen Lehrerbildung, an der die Koalition und die Institutionen seit Längerem feilen, aufs Spiel. Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle fürchtet nach der Aktion der Ministerin um das „Bekenntnis zur Gemeinsamkeit und zur Kooperation von Unis und PH“ in Sachen Lehrerbildung. Es wäre „schlecht, sollten PH-Rektoren die Kooperation mit Universitäten nun nicht mehr an-, mitdenken oder planen dürfen“, sagt Töchterle zur „Presse“. „Die Wissenschaftlichkeit“, so Töchterle, sei „zentrale Grundlage für die beste Ausbildung der Lehrer von morgen.“ Wissenschaftlichkeit „benötigt wiederum den Freiraum für eigenes Überlegen“.

Genau dieses „eigene Überlegen“ war es, das Elmar Märk zum Verhängnis wurde, als er in einem Interview – entgegen der SPÖ-Parteilinie – die Zukunft der gemeinsamen Lehrerbildung an den Universitäten sah (Details zur Vorgeschichte siehe Infokasten).

Doch nicht nur Töchterle sieht eine Einigung bei der Lehrerbildung – diskutiert wird derzeit vor allem, an welcher Institution die Pädagogen in Hinkunft ausgebildet werden sollen – in Gefahr. Katharina Cortolezis-Schlager, ÖVP-Wissenschaftssprecherin im Nationalrat, ortet einen „herben Rückschlag“ für die Lehrerbildung. Damit diese gelingen könnte, bräuchten die PH „das gleiche Maß an Autonomie wie die Unis“. Nur so könne man „auf Augenhöhe zusammenarbeiten“. In Fragen der Lehrerfortbildung solle der Dienstgeber auch künftig Zielsetzungen definieren können. Aus der Ausbildung jedoch solle er sich heraushalten, sagt Cortolezis zur „Presse“. Sie wünscht sich, dass die PH ins Uni-Gesetz aufgenommen werden. Ebenso wie in das Qualitätssicherungsgesetz. In Letzterem sind die PH als einzige Institution des tertiären Sektors nicht vertreten.

 

PH als „politische Handlanger“

Die noch fundamentalere Kritik an Schmied, die aus ÖVP, Lehrergewerkschaft und der Wissenschaft kommt: Die Personalpolitik der Ministerin schade der Reputation der PH insgesamt. „Wenn sich ein PH-Rektor künftig inhaltlich äußert, denken alle, er mache das nur im Auftrag der Ministerin“, befürchtet Cortolezis. Schmied habe, so ihr Vorwurf, „Fachleute in der öffentlichen Wahrnehmung zu politischen Handlangern gemacht“.

Noch deutlicher formuliert es der oberste AHS-Gewerkschafter, Eckehard Quin: Er fühle sich „an den Fall Entacher erinnert“. (Der Generalstabschef wurde 2011 wegen einer Meinungsverschiedenheit das Berufsheer betreffend von SPÖ-Minister Norbert Darabos abberufen, Anm.) „Ich dachte, wir hätten diese Zeiten in Europa seit Jahrzehnten hinter uns“, so Quin. „Aber das sind historische Vorgehensweisen, die eher an Nordkorea erinnern.“ Eines, heißt es aus der Gewerkschaft, sei klar: Kompetenzen in Sachen Lehrerbildung verstärkt an die PH zu geben – wie es sich die Ministerin wünscht – gleiche einem „Rückschritt“. Wenn Personen für ihre Meinung einen Maulkorb verpasst bekommen, sei das demokratiepolitisch bedenklich. Derzeit „sind die Lehrer an den Unis besser aufgehoben“.

Auch von den Landesschulräten kommt Kritik: Das Vorgehen der Ministerin habe „keine positiven Auswirkungen auf das Selbstverständnis des Lehramts“, fürchtet Oberösterreichs Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer. „Es müssen nicht alle das gleiche denken und man muss zeigen, dass es genug Platz für eigene Gedanken gibt.“ Schmieds Reaktion auf die Aussagen Märks halte er für „überzogen“. „Ich kann auch nicht jeden Schuldirektor entlassen, der nicht meiner Meinung ist oder voraussetzen, dass alle einer Meinung sind“, sagt Enzenhofer – der sich (wie Schmied) übrigens sehr wohl einen Ausbau der PH zur Pädagogischen Uni in Oberösterreich wünscht.

Auch aus der Bildungswissenschaft erntet Schmied Kritik. Diese reagiere „kindisch“ und habe „den Kompromiss zur Lehrerbildung aufgekündigt“, sagt Stefan Hopmann, Bildungswissenschafter an der Uni Wien. Die PH seien keine wissenschaftlichen Institutionen – denn „das würde die Freiheit der Wissenschaft voraussetzen. Die PH aber sind in völliger Abhängigkeit vom Ministerium.“ Quasi „ein von oben geführter Schulbetrieb“, in dem das Motto gelte: „Bist du nicht willig, brauch' ich Gewalt.“

Die Lehrerbildung ganz an den PH anzusiedeln, sei kein tragfähiges Modell, sagt Hopmann. Auch gegen Hybrid-Modelle (also die Kooperation von Unis und PH) spricht er sich aus: Entweder man entscheide sich für den universitären Charakter, das setze aber Freiheit der Wissenschaft voraus. Oder man mache eine handwerkliche Ausbildung an der PH. Man könne „genauso wenig nur ein bisschen wissenschaftlich sein, wie man ein bisschen schwanger sein kann“.

 

Nur ein „Sommerlochthema“?

Im Umfeld der Ministerin zeigt man sich übrigens überraschend wortkarg. Die Urlaubszeit kommt da gerade recht. Andreas Schnieder, von Schmied mit der Konzeption der neuen Lehrerbildung beauftragt und üblicherweise wortgewaltig, erklärt etwa, im Ausland zu sein und „gar nicht zu wissen, was eigentlich passiert sei“. Aus den anderen PH gibt es generell keine Reaktionen. Die Rektoren fürchten wohl Sanktionen der Ministerin.

Die Sache sei ein „Sommerlochthema“, sagen unterdessen Experten aus dem Ministerium. Märk habe mit seinen „unbedachten, wohl nicht böse gemeinten Aussagen unklug gehandelt“. Vor allem, da seine Bestellung alles andere als unumstritten war. Mit ihrer Reaktion biete Schmied, die „ohnehin eine beliebte Zielscheibe abgebe“, in „dieser sensiblen Situation“ nun Angriffsfläche. Man wünsche sich, rasch zur inhaltlichen Debatte zurückzukehren.

Ein Wunsch, der wohl unerfüllt bleiben wird.

Die Vorgeschichte

Nach einem Interview wurde der designierte PH-Tirol-Rektor Elmar Märk von Ministerin Claudia Schmied (SPÖ) abberufen. Märk hatte über eine Zukunft der Lehrerbildung an den Unis spekuliert und damit gegen die politische Linie der Ministerin verstoßen. Schmied steht nun für ihre personellen Eingriffe in die PH in der Kritik. Auch die Bestellung der neuen Rektorin der PH Wien, Ruth Petz, ist umstritten. Märk will in den nächsten Wochen entscheiden, ob er gegen die Abberufung gerichtlich vorgehen wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2012)