Neue Lehrerbildung: Wildwuchs bei Modellen ist "absurd"
17.06.2012 | 18:37 | JULIA NEUHAUSER (Die Presse)
Tina Hascher, Direktorin der neuen Salzburger „School of Education“, im Antrittsinterview mit der "Presse".
Die Presse: Vergangene Woche wurde mit der „School of Education“ eine eigene Fakultät für die Lehrerbildung an der Uni Salzburg eröffnet. Ist das als Kampfansage an die Pädagogische Hochschule zu werten?
Tina Hascher: Nein. Vor allem ist es eine Liebeserklärung an die Lehrerbildung. Aber es kann schon sein, dass es von der PH als Bedrohung wahrgenommen wird.
Es ist nicht lange her, da schien die Lehrerbildung für die Unis noch eine Last zu sein.
Die Uni Salzburg hat immer schon einiges in der Lehrerbildung gemacht. Es entwickelte sich das klare Bewusstsein, dass eine gute universitäre Lehrerbildung auch Einfluss auf die Qualifizierung des eigenen Nachwuchses hat – immerhin bilden wir AHS- und BHS-Lehrer aus. Wenn diese guten Unterricht machen, bedeutet das auch, dass wir gute Studierende bekommen.
Politisch ist unklar, ob die Unis oder die PH die Hauptverantwortung in der neuen Lehrerbildung übernehmen sollen. Was wäre das optimale Modell?
Ich wünsche mir die Lehrerbildung unter einem Dach. Unter dem Dach der Uni. Das sage ich offen.
Wird es diesbezügliche Angebote an die Pädagogische Hochschule geben?
Ich denke schon. Es kann zwar nicht sein, dass wir sagen: „Liebe PH, rutsch doch einfach zu uns rein.“ Über Zusammenarbeitsformen muss man aber nachdenken. Denn wagt man den Blick über die Grenzen hinaus, dann merkt man sofort, dass Lehrerbildung an der Uni eine Selbstverständlichkeit ist.
Wünschen Sie sich in der Institutionenfrage klare Vorgaben der Politik?
Ich bin zuversichtlich, dass wir uns in Salzburg auch so zusammenraufen. Aber sollte es in Österreich künftig mehr als neun verschiedene Formen der Lehrerbildung geben, dann fände ich das ehrlich gesagt etwas absurd. Ich beobachte das in der Schweiz mit dem Kantönligeist. Da gibt es Kommissionen, die erlassen ein eigenes Reglement, das festlegt, wann eine Ausbildung für das ganze Land anerkannt werden kann. Da müssen wir nicht hinkommen.
Auch das Maß der Autonomie, das die Lehrerausbildungsstätten erhalten sollten, ist in der Koalition umstritten. Die Unterrichtsministerin möchte als Abnehmerin der Absolventen mitentscheiden können. Wie viel Autonomie braucht eine gute Lehrerausbildung?
Ich verstehe das Anliegen der Ministerin, finde es gleichzeitig aber eine Form der Überreglementierung. Man sollte sich auf Kompetenzkriterien verständigen, die erreicht werden müssen. Wie man da hinkommt, sollte der Autonomie der Institutionen überlassen werden. Denn das Wissen um eine gute Schule wird in den Ausbildungsstätten generiert. Würden wir warten, bis politische Prozesse durchsickern, würde das einen Bildungsrückstand bedeuten.
Mit der Eröffnung der „School of Education“ hat die Uni Salzburg eine Vorreiterrolle eingenommen. Wie wollen sie dieser gerecht werden?
Was wir hier machen, kann tatsächlich eine Art Modell werden. Wir setzten auf vielen verschiedenen Ebenen an. Zum einen wollen wir das Curriculum weiterentwickeln, wollen neue Modelle implementieren. Außerdem wollen wir die Wissensentwicklung besser mit der Praxis vernetzen.
Damit nehmen Sie sich die PH als Vorbild. Als deren große Stärke hat bisher die pädagogische Ausbildung im Studium gegolten.
An der PH wird mehr Wert darauf gelegt, pädagogische Themen zu bearbeiten. Die Frage ist, ob das gut genug gemacht wird. Wenn es vorwiegend vor dem Hintergrund eigener Unterrichtserfahrungen und weniger neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse gemacht wird, dann hat das möglicherweise negative Auswirkungen auf die Qualität.
Die Pädagogischen Hochschulen sind den Unis auch in Sachen Weiterbildung voraus. Die fand bislang nur dort statt.
Fakt ist, dass derzeit viele unserer Mitarbeiter die Weiterbildung unter dem Dach der Pädagogischen Hochschule durchführen. Man kann das als schönen Austausch betrachten. Das kann es aber eigentlich nicht sein. Was die Unis brauchen, um sich der Weiterbildung anzunehmen, sind dienstrechtliche Grundlagen.
Langfristig sollen an den neuen Lehrerausbildungsstätten auch die Kindergartenpädagoginnen ausgebildet werden. Ist das auch ein Ziel, das sich Ihre „School of Education“ setzt?
Es wäre schön, wenn wir das machen könnten. Wenn wir diesen Wunsch äußern, wird das zumeist noch als Bedrohung erlebt. Ich denke, dass wir das könnten, wenn wir mit der PH kooperieren.
Bei der neuen Lehrerausbildung sind Aufnahmeverfahren angedacht. Anders als an der PH haben die Unis bislang alle aufgenommen, die studieren wollten.
Zum Teil machen das die PH ja auch. Sie setzten eignungsdiagnostische Elemente ein, können aber niemanden wirklich abweisen. An der Uni Salzburg gab es bislang optionale Selbsterkundungs- und Beratungstests. Diese soll es weiter geben. Knock-out-Prüfungen werden wir auch künftig keine machen. Wichtig wäre es, mit Studierenden noch früher in den Dialog zu treten, um auszuloten, ob der Lehrberuf wirklich das Richtige ist.
Tina Hascher (47) ist neue Chefin der „School of Education“ an der Uni Salzburg. Seit 2005 ist Hascher dort Professorin für Pädagogik. Zuvor war sie an der Uni Bern tätig. Mit der „School of Education“, die am 6.Juni eröffnet wurde, wird die Lehrerbildung an der Uni Salzburg an einer Fakultät gebündelt. Ein Schritt, der im Zuge der neuen Lehrerbildung entscheidend ist. Das Ziel dieser ist die gemeinsame Ausbildung aller Pädagogen; welche Institution verantwortlich sein soll, ist politisch umstritten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2012)










