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Lesen: Wiens Schulen stagnieren, Defizite bei jedem Vierten

30.05.2012 | 19:34 |  THERESA AIGNER (Die Presse)

Der Stadtschulrat hat die Lesekompetenz von 31.000 Schülern überprüft. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Ergebnisse kaum gebessert. Der Lesetest wurde zum zweiten Mal durchgeführt.

Wien. Die Euphorie im Stadtschulrat hielt sich bei Präsentation der Ergebnisse des zweiten Wiener Lesetests am Mittwoch in engen Grenzen. Denn: Im Vergleich zum Vorjahr haben sich insgesamt keine signifikanten Verbesserungen bei der Leseleistung ergeben, wie Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SP) selbst eingestand.

Zwar hat sich die Gruppe jener Schüler, die nicht über ausreichende Lesefertigkeiten verfügen, leicht verringert. Dennoch liegt die Zahl der sogenannten Risikoschüler bei den Volksschülern nach wie vor bei rund 21 Prozent (siehe Grafik). Im Vorjahr waren es knappe 24 Prozent. Bei den Schülern der achten Schulstufe sieht es noch schlechter aus: Hier gehören 25 Prozent zur Risikogruppe, im Jahr 2011 waren es nur 19 Prozent.

Der Lesetest wurde zum zweiten Mal vom Wiener Stadtschulrat in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE) durchgeführt. Dabei wurden Ende Februar die Lesekompetenzen aller rund 31.000 Schüler der vierten und achten Schulstufe in Wien getestet. Außerdem wurden jene 3700 Schüler, die im Vorjahr zur Risikogruppe gehörten, einer Nachtestung unterzogen. So wollte man überprüfen, ob die speziellen Fördermaßnahmen, die ihnen in der Zwischenzeit zu Teil wurden, gegriffen haben.

Das dürfte wohl auch das erfreulichste Ergebnis des gestrigen Tages geliefert haben: Bei den Volksschülern konnten mehr als 60Prozent die Risikogruppe verlassen, bei den AHS- bzw. Hauptschülern 40Prozent. Das zeige, dass mit zunehmenden Alter der Schüler „die Chance geringer wird, trotz intensiver Beschulung bessere Ergebnisse zu erzielen“, sagt Brandsteidl bei der Präsentation. Insofern sei es besonders wichtig, möglichst früh mit Fördermaßnahmen zu beginnen.

(c) DiePresse

Noch ein Test

Bedarf gibt es nach wie vor genug. Innerhalb der Gruppe der Risikoschüler findet sich eine Gruppe, die Brandsteidl gar als „Katastrophenleser“ mit „intensivem Förderbedarf“ bezeichnet. In der Volksschule liegt ihr Anteil bei 3,9 Prozent (siehe Grafik). Im Vorjahr waren es 10,6 Prozent. Ein ähnliches Bild liefern die Testergebnisse der achten Schulstufe: Hier hat sich die Gruppe der allerschlechtesten Leser halbiert und liegt nun bei 3,7 Prozent. Im Jahr 2011 waren es 6,9 Prozent.

Für BIFIE-Chef Günter Haider zeigen die Ergebnisse, dass „nicht nur langfristige Maßnahmen Wirkung haben, sondern auch kurzfristige Aktionen zum Ziel führen“. Damit nimmt er Bezug auf die Fördermaßnahmen der „Soko-Lesen“, die als Reaktion auf die letztjährigen Ergebnisse gestartet wurden. Etwa die groß angelegte „Startwoche Lesen“ im September 2011 oder die mehrwöchigen Crashkurse für die schlechtesten Leser, die im kommenden Jahr noch ausgebaut werden sollen.

Trotzdem müssten die Diagnosequalitäten der Lehrer verbessert werden, sagt Haider: So soll im September für Schüler der dritten und siebenten Schulstufe ein zusätzlicher Test vorgeschaltet werden, der den Lehrern noch früher Aufschluss über den Förderbedarf einzelner Schüler geben soll. Der Test findet individuell an den einzelnen Schulen statt, auch die Ergebnisse bleiben dort.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2012)