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zweifelhaften BildungsGurus

Die zweifelhaften Bildungs-Gurus

02.06.2012 | 17:37 |  von Christoph Schwarz (Die Presse)

Von Glattauer bis Salcher: Die selbst ernannten Bildungsexperten sind in Österreich omnipräsent. Ihre Rolle im starren Schulsystem ist dabei wichtiger, als ihr Ruf erahnen lässt.

Ihre Bücher tragen Titel wie „Die PISA-Lüge“, „Der talentierte Schüler und seine Feinde“, „Bildung nervt“ oder „Die Durchschnittsfalle“. Und sie werden – regelmäßig – zu Bestsellern. Denn: In Österreich haben die selbst ernannten Bildungsexperten Hochkonjunktur. Und zwar dauerhaft.

Im Diskurs über das Bildungssystem haben sich die Andreas Salchers, Niki Glattauers und Bernd Schilchers dieses Landes ihren Platz gesichert. Kaum eine TV-Diskussion kommt ohne sie aus, kaum ein politisches Vorhaben bleibt von ihnen unkommentiert. Allein: Woher die Herren – ja, es sind vornehmlich Herren – ihre Expertise eigentlich nehmen, ist niemandem so wirklich klar. Warum aber gelangen die Bildungsgurus dann zu so enervierender Omnipräsenz?

Es ist Andreas Salcher, studierter Betriebswirt und Mitbegründer der Sir-Karl-Popper-Schule für Hochbegabte in Wien, der als Urvater der populärwissenschaftlichen Bildungsdebatte gelten kann. Mittlerweile hat der heute 51-Jährige sein Fachgebiet zwar von der Bildung auf „eigentlich eh alles“ ausgeweitet. (Für seine esoterisch angehauchten Œuvres „Der verletzte Mensch“ und „Meine letzte Stunde“ erhielt er diese Woche das „Platin Buch“, eine Ehrung für mehr als 50.000 verkaufte Stück.)

Seine Popularität hat er aber der Bildung zu verdanken: Mit „Der talentierte Schüler und seine Feinde“ landete Salcher 2008 seinen ersten großen Erfolg. Die Frage nach verkannten Talenten kam aufs Tapet – und blieb es bis heute. Bis 2011 festigte Salcher als ehrenamtlicher „Schüleranwalt“ im „Kurier“ seinen Ruf. Bald war er aus keiner Diskussionsrunde mehr wegzudenken. Termingerecht, wenn ein neues Buch – Inhalt und Thema sind egal – erscheint, taucht Salcher in der Schulpolitik wieder auf. Wie zuletzt mit der Forderung nach späterem Unterrichtsbeginn. Es galt, sein neues Buch „Ich habe es nicht gewusst“ zu promoten.

Nachahmer der Salcher-Strategie ließen nicht lange auf sich warten: Niki Glattauer – hauptberuflich Bruder des Schriftstellers Daniel Glattauer, im Nebenberuf erst Journalist und später Lehrer an einer Kooperativen Mittelschule in Wien – schwamm rasch auf der Erfolgswelle mit: 2010 erschien sein Buch mit dem an Salcher angelehnten Titel „Der engagierte Lehrer und seine Feinde“. 2011 legte er mit der „PISA-Lüge“ nach – und etablierte sich damit als altkluger, polemischer Klon von Salcher. Er ist vor allem Meister der Selbstinszenierung: Wenn er etwa für Fotostrecken im Boulevardblatt „Österreich“ mit verzweifeltem Blick in Klassenbücher beißt oder das Wort „Trottel“ an die Tafel kritzelt, dann ist klar – es findet sich kaum eine Aktion, für die Glattauer sich zu schade ist.


Pointierte Störenfriede. Der Dritte im Bunde: Bernd Schilcher, in den 1980er- und 1990er-Jahren Landesschulratspräsident in der Steiermark und Mitentwickler von Claudia Schmieds Neuer Mittelschule. Schilchers Atout: Er setzt auf Seriosität, erweckt den Eindruck des „Elder Statesman“. Allein: Aufmerksamkeit erregen seine Thesen nicht deshalb, weil sie innovativ sind – sondern nur, weil sie gemeinhin gegen die Positionen seiner Partei, der ÖVP, verstoßen. Mit der Unterstützung des Bildungsvolksbegehrens von Hannes Androsch versuchte er, den Ruf als Querdenker einzuzementieren. Von der ÖVP wird er nicht mehr als „einer der ihren“ wahrgenommen. In seiner im April erschienen Streitschrift „Bildung nervt“ holte er zum Rundumschlag gegen Politik, Gewerkschaft und das „enge, rückwärtsgewandte Korsett der Schulbildung“ aus.

Was die drei Experten, bei aller Unterschiedlichkeit, eint? Sie alle formulieren scharf und pointiert, attackieren beliebte Feindbilder. Angst vor inhaltlicher Verknappung kennen sie keine. Mit einfacher Sprache und griffigen Themen finden sie den Weg in die Seele vieler Medien und bildungsverdrossener Österreicher, die sich selbst gerne als Bildungsexperten fühlen. Wenn Salcher und Co. von verkannten Talenten sprechen, kann man sich darin auch selbst nur allzu leicht wiederfinden.

Darin liegt wohl auch der Erfolg begründet: Die Stärke der Gurus ist zugleich die Schwäche der (Bildungs-)Politik, die von vielen als unehrlich und veränderungsresistent wahrgenommen wird. Ihre Stärke ist zugleich auch die Schwäche der wahren Experten, also der Bildungsforscher, Didaktiker und Bildungspsychologen. Nur wenige Wissenschaftler suchen den Weg in die Öffentlichkeit – immer wieder tut das der Humangenetiker Markus Hengstschläger, der sich zuletzt mit dem populärwissenschaftlichen Buch „Die Durchschnittsfalle“ als Bildungsexperte versuchte. Viele andere scheitern an ihrem hohen wissenschaftlichen Anspruch. Aus Angst vor der medialen Zuspitzung halten sie mit Thesen lieber hinter dem Berg. Salcher und Co. werden so oft zu Katalysatoren, die die trockenen Zahlen und Fakten der Forscher gekonnt an die Öffentlichkeit bringen. Und, so viel sei ihnen zugestanden: Die Rolle, die sie damit einnehmen, ist wichtiger, als ihr umstrittener Ruf oft erahnen lässt.


Gestresstes System. Salcher reagiert auf Vorwürfe übrigens wohltuend reflektiert: „Ich sehe mich selbst nicht als Bildungsexperte“, sagt er zur „Presse am Sonntag“. „Ich habe nur aufgehört, es zu dementieren.“ Was aber ist er? „Ein professioneller Bildungskritiker, der die Debatte erweitert hat, weg vom Lehrerdienstrecht und dem ideologisch verkrampften Gesamtschulstreit von SPÖ und ÖVP.“ Von den meisten, „die meine Bücher gelesen haben“, ernte er Zustimmung. Mit „dem bisschen Aggression, das mir aus dem Schulsystem entgegenschlägt, lebe ich gut. Ein System, das so stark unter Stress steht, reagiert eben auch rasch gestresst.“

Den Vorwurf, keine Expertise zu haben, kontert er geschickt: Kaum jemand in Österreich reise so viel, kenne international so viele Schulsysteme und stehe in so engem Kontakt zu Bildungsforschern wie er, sagt Salcher. Außerdem: „Ich verwehre mich dagegen, dass nur jemand das Schulsystem kritisieren darf, der selbst 20 Jahre lang in der Klasse gestanden ist. Von einem Musikkritiker erwarten sie ja auch nicht, dass er alle Instrumente in einem Orchester selbst spielen kann.“ Spätestens da wird man ihm recht geben müssen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2012)