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Kinderlieder Rollenspiele Verkehrserziehung einmal

Kinderlieder und Rollenspiele: Verkehrserziehung einmal anders

17.06.2012 | 18:37 |  JAN KRCMAR (Die Presse)

Die Initiative"Auto*Mat" bringt Schülern in Tschechien das Thema nachhaltige Mobilität näher. Statt im Verkehrsgarten lernen die Schüler in allen Unterrichtsfächern über Verkehr und dessen Einfluss auf das eigene Lebensumfeld.

Wenn in Tschechien Gymnasiasten Fahrradständer entwerfen oder sich auf Englisch über Verkehr unterhalten, hat vermutlich Jana Pírková ihre Finger im Spiel. Als Mitarbeiterin der Prager Initiative „Auto*Mat“, die sich für nachhaltige Mobilität starkmacht, leitet Pírková ein Bildungsprojekt, das seit 2009 moderne Bildungsaktivitäten und Unterrichtsmaterial zum Thema Mobilität anbietet.

Die Art, wie Schüler meist über Verkehr lernen, ist laut Jana Pírková veraltet. „Die Polizei muss Verkehrsunterricht anbieten“, sagt Pírková, „doch wird der Straßenverkehr und damit ein großer Teil der wahrgenommenen Welt den Kindern hier nur als gefährlicher Ort präsentiert, in dem sie sich ständig vor Unfällen schützen müssen.“ Um das Thema in breiterem Kontext darzustellen, entwickelte Pírková Unterrichtsmaterialien, die es Lehrern ermöglichen, das Thema in allen Fächern in den laufenden Unterricht einzubinden. Die Schüler sollen von Beginn an in allen Fächern mit der Problematik konfrontiert werden.

Das Projekt setzt in der Grundschule an – etwa im Musikunterricht: „Die Kinder erkennen, dass Autos zwar das Stadtbild dominieren, aber in keinen Kinderliedern vorkommen.“ Später nehmen die Kinder dann an Radausflügen teil und werden von Beginn an auch für Barrieren im öffentlichen Raum sensibilisiert. Im Sprachunterricht unterhalten sich Schüler in Fremdsprachen über Verkehrsprobleme.Ältere Schüler debattieren in Rollenspielen über Vorschläge zur Verbesserung der Verkehrsqualität in der Umgebung der Schule, die sie zuvor – etwa durch das Zählen von Fahrzeugen – analysieren. Die Rollenspiele sind an Bezirks- und Gemeinderatssitzungen angepasst. „An einem Prager Gymnasium fahren Schüler mit dem Rad zum Unterricht und beobachten dabei die Entwicklung der Radinfrastruktur im ihrem Stadtteil“, sagt Pírková. Ein spezielles Projekt ist für Mittelschulen mit technischem Schwerpunkt gedacht. Die Schüler werden aufgefordert, eigene Designs für Fahrradständer zu entwerfen – und zu projektieren. Dabei müssen die Radständer den bestehenden Vorschriften und Normen entsprechen, was für die Schüler eine große Herausforderung darstellt.

 

Bequeme Lehrer, Eltern als Hürde

Das Unterrichtsmaterial entspricht dem sogenannten „Nationalen Bildungsprogramm“ des Unterrichtsministeriums. Und dennoch: Es ist nicht leicht, Lehrer zu überreden, das Material in den laufenden Unterricht einzubinden. „Das Projekt erfordert flexible Lehrer, die bereit sind, ihren Unterricht zu aktualisieren, statt Lehrer, die einfach seit Jahren denselben Stoff abspulen“, bedauert sie.

Von Vorteil ist natürlich, wenn Direktor oder Lehrer selbst aktive Radfahrer sind. Einige Schulen haben das Projekt bereits zu einer ihrer Prioritäten erklärt und ziehen das Thema nachhaltige Mobilität in den meisten Fächern in allen Schulstufen durch. Wenn Jana Pírková mit Elternvertretern spricht, hat sie es oft nicht einfach. Viele können sich nicht vorstellen, ihre Kinder nicht mit dem Auto zur Schule zu bringen. „Die Medien zeichnen den öffentlichen Raum als gefährlichen Ort, in dem Kinder entführt werden, was zu einer übertriebenen Angst bei Eltern führt“, sagt Pírková. Außerdem sind viele Eltern in Tschechien – wie in vielen Staaten der ehemaligen Sowjetunion – der Ansicht, dass sie ihren Kindern jenen Komfort gönnen wollen, den sie selbst nicht gehabt haben. Das Ergebnis: „Immer mehr Lehrer beschweren sich, dass Schüler weniger selbstständig und unabhängig arbeiten können“, sagt Pírková.

Übrigens: Eine Umfrage unter Kindern in der nordböhmischen Stadt Děčín zeigt, dass die meisten Schüler dann am zufriedensten sind, wenn sie allein zur Schule gehen oder radeln können.

Auf einen Blick

In Tschechien sollen Jugendliche das Thema Verkehr anders erleben: positiv, in all seinen Facetten und quer durch alle Unterrichtsfächer.

Die Serie „VorBilder“ stellt in loser Folge Bildungseinrichtungen und spannende Projekte aus anderen Ländern vor, die Denkanstöße und Impulse für die österreichische Bildungsdebatte geben könnten. Bereits erschienen: Dänemark, Großbritannien, Ungarn, Kanada.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2012)